… Kam hinzu, dass Mariebelle einige der Uhren nicht selber gekauft hatte, sondern sie waren ihr geschenkt worden. Von Männern, die Mariebelle - zu einer anderen Zeit als der jetzigen – geliebt hatten. Oder nicht geliebt. Jedenfalls, wenn Mariebelle darüber nachdachte, so musste sie jetzt, nach all den gewesenen Lieben, sagen, dass sie an der Liebe dieser Männer zweifelte. Denn eigentlich gibt es nichts Unschöneres als einem Menschen, den man angeblich liebt, eine Uhr zu schenken. Wenn man einen Menschen wirklich liebt, möchte man doch, dass die Zeit stillsteht.
Andererseits, und auch dies schien Mariebelle logisch zu sein: Bei einem totalen Zeitstillstand käme wohl kaum jemand auf die Idee, hier und jetzt zu lieben. Wenn es keine Zeit gäbe, sondern nur die Ewigkeit, wenn man also auch in 100 oder 3’600 oder 172'000 Jahren noch die Möglichkeit hätte, eine bestimmte Person zu lieben, zumal diese Person unter diesen Umständen ja immer gleich jung bliebe... Dies ist unvorstellbar, und trotzdem stellte Mariebelle es sich so vor: dass bei einem totalen Zeitstillstand die Zahl der Liebenden auf dieser Welt äusserst klein wäre, und nicht der Rede wert wären ihre Gefühle. Denn unter solchen Umständen würde ja klar, dass es die Liebe als solche eigentlich gar nicht gibt, sondern der Zeitdruck ist’s und mit dem Zeitdruck die Angst davor, den anderen wieder zu verlieren; einzig das Wissen um die Vergänglichkeit macht das Lieben so gross.

(Erzählung Zeitkauf aus dem Erzählband Liebesgrund, Zytglogge Verlag, 2004)
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